Die Fliesswasserrettung Ostschweiz
Dreigestirn für Wasserrettung in der Ostschweiz
Seit Oktober 2022 kooperieren die Kantonspolizei St.Gallen, die Sektion Mittelrheintal der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft SLRG und die Alpine Rettung Ostschweiz (ARS) bei der Koordination von Personenrettungen aus Fliessgewässern der Kantone St.Gallen, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden. Ein Überblick über die Entwicklung bis zum heutigen Tag.
Der Sommer naht – und mit ihm steigt wie jedes Jahr das Risiko für Personenunfälle in Fliessgewässern. Das stellt die Angehörigen der Wasserrettungsorganisationen in der gesamten Schweiz vor Herausforderungen. Denn Rettungen aus fliessenden Gewässern sind vergleichbar mit Lawinen- und Bergrettungen äusserst anspruchsvoll. Einerseits aufgrund der erforderlichen Spezialkenntnisse und -ausrüstung. Zweitens aufgrund der stets hohen Dringlichkeit. Und drittens aufgrund der Tatsache, dass in nahezu allen Fällen mehrere Organisationen wie Polizei, Wasser- und Luftrettung involviert sind, was Kooperation und Koordination zu wesentlichen Erfolgsfaktoren macht.
Mehrere tragische Wasserunglücke, die Tatsache, dass die Wasserrettung in den Fliessgewässern und kleineren stehenden Gewässern sowie in ausserordentlichen Lagen (z. B. Hochwasser) gesetzlich nicht respektive nur teilweise geregelt ist, sowie das Streben nach mehr Effizienz in der Zusammenarbeit bei Notfällen auf Gewässern animierten vor rund drei Jahren die Kantonspolizei St. Gallen, die SLRG Sektion Mittelrheintal und die Alpine Rettung Ostschweiz dazu, ein gemeinsames Rettungsdispositiv ins Leben zu rufen: die Fliesswasserrettung Ostschweiz, kurz «FLWR Ost».
Die Rettungskräfte der FLWR Ost werden über die HEZ der Rega disponiert und mit dem Helikopter zum Einsatzort geflogen. Im Bild eine Übung am Rhein im Jahr 2024.© Rega
Vielfältige Aufgaben in einem grossen Einsatzraum
Die kooperative Organisation dient seither als effizientes, unabhängiges Einsatzdispositiv, das im Fall von Wasserrettungseinsätzen eine einheitliche, rasche Mobilisierung von Einsatzkräften mit den benötigten Spezialkompetenzen und -ausrüstungen sicherstellt. In der FLWR Ost engagieren sich dafür 30 speziell ausgebildete Einsatzkräfte. Sie rekrutieren sich aus den drei Trägerorganisationen, sind im Milizsystem aktiv, während der Einsätze über die Alpine Rettung Schweiz versichert und erhalten für ihre ehrenamtliche Einsatztätigkeit eine (kleine) Entschädigung.
Im Einsatzraum der FLWR Ost gibt es zahlreiche fliessende und stehende Gewässer wie den Schwendisee in Wildhaus.© SLRG MRHT
Zu den Hauptaufgaben der FLWR Ost gehören die Personenrettung aus Fliessgewässern, die technische Hilfeleistung und die Durchführung von Sucheinsätzen in Fliessgewässern, Hochwasserrettungen sowie – in den Wintermonaten – die Eisrettung. Das Einsatzgebiet des Dispositivs erstreckt sich über die gesamte Fläche der drei Ostschweizer Kantone AI, AR und SG, wobei die Kräfte der FLWR Ost sowohl für Einsätze in respektive auf den Fliessgewässern als auch den kleineren Ostschweizer Seen aufgeboten werden. Die grösseren Seen – namentlich der Bodensee, der Walensee sowie der Obere Zürichsee – werden durch die entsprechenden Seerettungsdienste (SRD) betreut.
Die drei Partnerorganisationen verfügen über zahlreiche Rettungsmittel für die Wasserrettung, beispielsweise dieses Wasserrettungsboot der SLRG Sektion Mittelrheintal.© SLRG MRHT
Alarmierung und Einsatzkoordination
Wird ein Unfall an einem Fliessgewässer oder einem See im Einsatzraum der FLWR Ost gemeldet (via Alarmierungsnummern 117, 118 oder 144), alarmiert die NEZ St.Gallen einerseits Polizei, Sanität und Feuerwehr – und übergibt den Fall zeitgleich direkt an die Helikopter-Einsatzleitzentrale (HEZ) der Schweizerischen Luftrettungsorganisation Rega. Diese disponiert dann die Rettungskräfte der FLWR Ost – über das von sureVIVE entwickelte, auch von der ARS genutzte Alarmierungs- und Einsatzleitsystem «Alpine Rescue Mission Control» (ARMC). Über dieses werden die über das gesamte Einsatzgebiet verteilt domizilierten Einsatzkräfte der FLWR Ost geolokalisiert und nach dem «Next-Best»-Prinzip aufgeboten. Sie begeben sich dann eigenständig zum Einsatzort oder werden mit dem aufgebotenen Rettungshelikopter der Rega zum Einsatzort transportiert – abhängig von ihrem aktuellen Standort sowie der Lage und der Zugänglichkeit des Schadenplatzes. Die Zahl der für einen Einsatz aufgebotenen Rettungskräfte wird ebenso wie der Transport der Retter zum Schadenort vom Einsatzkoordinator in Absprache mit der HEZ festgelegt. Letztere übernimmt dann auch die gesamte Koordination eines allfällig nötigen Lufttransports der FLWR-Ost-Kräfte zum Einsatzort.
Synergien und einheitliche Kompetenzregeln
Die FLWR Ost nutzt gezielt alle sich aus der Kooperation der drei Trägerinstitutionen ergebenden Synergieeffekte, insbesondere hinsichtlich Alarmierung, personeller und materieller Ressourcen sowie Einsatzkoordination. Zwar sind die Angehörigen der FLWR Ost ausserhalb der spezifischen Gewässerrettungseinsätze für ihre jeweilige Institution tätig, weshalb Letzteren auch die Ausbildungsverantwortung obliegt. Dennoch verfügt die FLWR Ost über hoch spezialisierte, sehr erfahrene Einsatzkräfte mit sehr breit gefächerten Spezialkenntnissen. Die bergerfahrenen Canyoningretter der ARS verfügen über grosses Wissen in den Bereichen «Arbeiten mit und am Seil». Die Polizeitaucher der Kantonspolizei St.Gallen kennen die polizeiliche Arbeit sowie die Rettungsarbeit am, im sowie auch unter Wasser – und verfügen über alle dafür nötigen Mittel. Und die Spezialisten der SLRG MRHT sind im Bereich der Wasserrettung im wahrsten Wortsinn «mit allen Wassern gewaschen».
Einheitliche, von den drei Trägerinstitutionen gemeinsam definierte Kompetenzanforderungen für alle FLWR-Ost-Kräfte sowie regelmässige gemeinsame Trainings über die Trägerinstitutionen hinaus und mit der Rega zusammen – beispielsweise im Juni 2024 am Rhein bei Oberriet – sorgen dafür, dass alle Mitglieder des Rettungsdispositivs gemeinsame Standards erfüllen, sich kennen, vertrauen und im Einsatzfall optimal «Hand in Hand» agieren. Dabei folgen sie – insbesondere in der «Chaosphase» zu Beginn jedes Einsatzes – standardisierten Einsatzplänen. Die diesen zugrunde liegenden Rettungskonzepte erarbeitete SLRG-MRHT-Präsident Joël Rodi, «Rettungsschwimmer des Jahres 2025» (siehe auch Rubrik «Menschen» in dieser Ausgabe).
Rettungseinsätze, im Bild eine «Kontaktrettung mit Seil», gehören ebenso zum Einsatzspektrum der FLWR Ost wie Sucheinsätze, technische Hilfeleistungen und die Eisrettung.© SLRG MRHT
Einsatzmittel der FLWR Ostschweiz
Die SLRG Mittelrheintal betreut im Alltag insbesondere das gesamte Rheintal sowie – seit 2023 – auch das Werdenberg. Dazu betreibt die Sektion einen Stützpunkt in Widnau sowie – seit 1. April 2023 – einen zweiten Stützpunkt in Grabs. Die SLRG MRHT stellt aktuell rund 35 Einsatzkräfte. Zudem verfügt sie über zwei Wasserrettungsfahrzeuge (Mercedes-Benz Sprinter), ein Schnelleinsatzfahrzeug (Quad für zweiköpfiges Ersteinsatzteam), einen Raft-Anhänger, ein Wasserrettungs- und zwei Hochwasserboote, ein Wildwasserboot für bis zu acht Personen (Raft), ein Schlauchboot für vier Personen, vier aufblasbare Wildwasserkajaks sowie eine Unterwasserdrohne mit Kamera, Licht und Greifarm, die in bis zu 100 Meter Wassertiefe vorstossen kann.
Die Polizeitaucher der Kantonspolizei St.Gallen betreiben zwei Stützpunkte in Thal nahe Rorschach sowie in Mels. Sie verfügen über mehrere Fahrzeuge, Taucher- und Wildwasserausrüstung, zwei Rettungsboote, eine Korbschleiftrage, Spineboards sowie Seilmaterial und Abseilgeräte.
Die ARS verfügt über drei Stützpunkte im Einsatzraum: in Mels, Sax und Wildhaus. Neben spezieller Canyoning- und Wildwasserausrüstung, etwa einer Canyoningbahre, gehören Seilwinden, Anker- und Seilmaterial zur Spezialausrüstung.
