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Modernes Bargeld-Tracking anhand von Seriennummern

Auch Banknoten haben Fingerabdrücke: Auf den Spuren inkriminierter Geldscheine

Die Frankfurter Elephant & Castle IP GmbH hat entwickelt, worauf alle Strafverfolgungsbehörden seit Erfindung der Banknote händeringend gewartet haben: eine Methode zur Nachverfolgbarkeit des Weges einzelner Geldscheine. Das revolutioniert die Möglichkeiten bei Fahndung und Aufklärung.

Manchmal sind Herausforderungen klar wie ein Bergsee und Lösungsansätze zwar offensichtlich, aber in der Praxis unfassbar aufwendig und komplex. Dann wird es schwierig – so wie bislang bei der praktischen Nachverfolgung inkriminierter oder zumindest verdächtiger Banknoten.

Letztere gibt es – alle, die BLAULICHT 03-2025 gelesen haben, wissen es – in der Schweiz seit 200 Jahren. Und alle Geldscheine sind seit der ersten Serie mit einer alpha­numeri­schen Identifikationsnummer versehen. Diese macht – in Kombination mit dem Notenwert und der Art der Wäh­rung – jede Banknote unverwechselbar. Zudem erlaubt sie eindeutige Rückschlüsse zu Produktionszeit und Produktionsort (Land und Druckerei), bisweilen sogar zum ­individuellen Druckbogen, der zu ihrer Herstellung diente. Folgt die Identifikationsnummer einer Banknote zugleich einer mathematischen Logik, ist via Prüfziffernberechnung auch eine Echtheitsprüfung möglich.

Können Fahndungs- und Strafverfolgungsbehörden den Weg von Bargeld nachverfolgen, erweitert das die Möglichkeiten zur Aufklärung von Straftaten immens.Können Fahndungs- und Strafverfolgungsbehörden den Weg von Bargeld nachverfolgen, erweitert das die Möglichkeiten zur Aufklärung von Straftaten immens.© shutterstock.com

Der Fingerabdruck jedes Geldscheins

So weit und durchdacht das althergebrachte System des ­alphanumerischen Fingerabdrucks jeder Banknote ist, so begrenzt blieb dessen effektiver praktischer Nutzen für Ermittler und Strafverfolgungsbehörden – zumindest bisher. Denn zwar werden die Identifikationsnummern bei der ­Herstellung und bei der Erstausgabe von Geldscheinen ­moderner Währungen erfasst und dokumentiert. Doch ­sobald die Banknoten in den Umlauf wechseln, schert sich eigentlich niemand mehr um deren Nummern. Banken ­erfassen nicht, welche Scheine sie bei Schalterbezügen in welcher Filiale zu welchem Zeitpunkt an wen aushändigen. Ebenso landen viele Geldscheine in Bankomaten, ohne dass zuvor deren Nummern erfasst worden wären. Und freilich kommen weder Einzelhändler noch Gastronomen auf die Idee, die Identifikationsnummern der Geldscheine zu ­notieren, die über die Theke wandern – in welche Richtung auch immer. Von uns Privatpersonen reden wir hier erst gar nicht – und das aus Krimis bekannte «Registergeld», also Scheine, deren Nummern erfasst wurden, obwohl Kriminelle «eine Million in kleinen, nicht nummerierten Scheinen» verlangt haben, ist ebenfalls pure Hollywood-Fiktion.

Bargeld ist der Liebling Krimineller …

So kommt es, dass Bargeld seit seiner Erfindung der ­Liebling Krimineller ist – und zunehmend in Verruf gerät. «Papier­geld ist immens teuer – und die Wurzel allen Übels», behaupten Bargeld-Kritiker. Doch ist das tatsächlich so?

Die Antwort von Gerrit Stehle, Managing Partner der ­Elephant & Castle IP GmbH, auf diese Frage mag verwundern. Denn er ist vom System Bargeld überzeugt: «Bank­noten sind ein seit Jahrhunderten bewährtes Zahlungs­mittel. Leicht handhabbar, grundlegend sicher und eingebunden in ein hervorragend funktionierendes, international bewährtes Kreislaufsystem.»

Schlecht ist aus seiner Sicht einzig, dass der hohe Stellenwert der Identifikationsnummer viel zu lange ignoriert­ wurde – mangels Technologien, die deren effiziente Nutzung ermöglichen würden. «Die Herausforderung ist klar: Wer Kriminellen das Handwerk legen will, muss die Wege von Banknoten nachvollziehen können. Eine grundlegende ­Lösung dafür gibt es: die Identifikationsnummer, dank der jeder Geldschein identifiziert und damit nachverfolgt ­werden kann. Allerdings hatte bis vor kurzer Zeit niemand eine ­zündende Idee, mithilfe welcher Technologien dies ebenso einfach wie schnell realisiert werden kann», sagt Gerrit Stehle.

… bis Gerrit Stehle und sein Team eine zündende Idee hatten

Vor knapp einem Jahrzehnt nahmen er und sein Team sich dieses Problems an – und entwickelten eine patentierte ­Methode, die den Strafverfolgungsbehörden revolutionär neue Möglichkeiten beschert. «Wir machen die Geldströme in der Eurozone rechtsstaatlich sicht-, nutz- und nachvollziehbar», sagt Gerrit Stehle. «Mithilfe einer unternehmenseigenen Software, einer riesigen Datenbank und in enger Kooperation mit diversen, im regulären Bargeldsystem aktiven Partnern, namentlich Werttransportunternehmen (WTU) und Cash Center. Dabei bleiben Datenschutz und Persönlichkeitsrechte gewahrt, die Anonymität des Bar­geldes wird nicht grundlegend tangiert und natürlich ­differenzieren wir die digitalen von den physischen Geldströmen. Zudem unterstützt das System die bei Polizei und Strafverfolgungsbehörden bereits in Nutzung stehenden Software-Lösungen.»

Klingt verlockend – doch welcher Aufwand muss dazu ­betrieben werden? «Der ist überschaubar», betont Gerrit Stehle.

Konkreter Use Case: Dank der automatisierten Identifikationsnummernerfassung wird die Bargeldlogistik markant sicherer.Konkreter Use Case: Dank der automatisierten Identifikationsnummernerfassung wird die Bargeldlogistik markant sicherer.© Elephant & Castle IP GmbH

So funktioniert das digitale Bargeld-Tracking

In einem ersten Schritt werden die Identifikationsnummern möglichst vieler Geldscheine durch Geldtransportunter­nehmen erfasst – mithilfe moderner Geldzähl- und Geldprüfgeräte, wie sie auch Bundesbehörden, Banken sowie häufig auch (grössere) Einzelhandelsunternehmen bereits seit Jahren nutzen. «Die besten dieser Geräte können Banknoten diverser Währungen nicht nur zählen, sortieren und via OCR-Messungen (Optical Character Recognition) authentifizieren, sondern zugleich auch deren Identifikationsnummern erfassen und speichern – mit einem Tempo von bis zu 1’000 Scheinen pro Minute», erklärt Gerrit Stehle. «Wichtig dabei ist, dass bei der Nummernerfassung keine Fehler passieren respektive Probleme, etwa verschmutzte Geldscheine, sauber erkannt werden», betont er. Daher haben er und sein Team unzählige auf dem Markt verfügbare Geräte getestet – mit je 10’000 Banknoten. «Wer wissen will, welche dabei gut und welche weniger gut abgeschnitten haben, darf uns gerne kontaktieren, dann liefern wir die Testergebnisse», so Stehle.

Im zweiten Schritt wandern die erfassten Identifikationsnummern – vergleichbar mit Fingerabdrücken – in eine ­Datenbank. «Suchen nun Ermittlungs- oder Strafverfolgungs­kräfte nach bestimmten Scheinen, können sie diese – einmal als Vertragspartner registriert – in unserer unternehmenseigenen Datenbank suchen. Bei Treffern erhalten sie einen stummen Alarm – und sehen beispielsweise, ob die Scheine schon einmal in anderem Zusammenhang behördlich interessant waren (z. B. Betäubungsmittel-Testkäufe, Lösegeldzahlungen, Enkeltrick oder Roaming-Scam-Betrügereien, Bankomatsprengung etc.). Zudem können sie Informationen dazu erhalten, wann und wo die Banknoten gedruckt wurden, ob sie in jüngerer Vergangenheit in Umlauf waren oder ­gehortet wurden, welchem typischen <Ländermix> ihre Durchmischung entspricht und Weiteres mehr», erläutert Gerrit Stehle.

Mit den dabei gewonnenen Informationen können ­wichtige ermittlungstaktische Fragen beantwortet werden, wie ­Gerrit Stehle anhand anonymisierter Beispiele aus der ­Praxis aufzeigt.

Würden Banken die Identifikationsnummern aller Geldscheine, die sie in ihre Bankomaten laden, erfassen, könnten bei Bankomat­sprengungen erbeutete Banknoten nachverfolgt werden.Würden Banken die Identifikationsnummern aller Geldscheine, die sie in ihre Bankomaten laden, erfassen, könnten bei Bankomat­sprengungen erbeutete Banknoten nachverfolgt werden.© shutterstock.com

Harmloser Sammler oder ein «Cash Mule»?

An einer innereuropäischen Grenze findet der Zoll bei einer Person 80’000 Euro in bar. Die Person sagt, sie habe in ­Spanien ein Sammlerstück erwerben wollen und der ­Verkäufer habe auf Barzahlung bestanden. Vor Ort habe sich das Objekt der Begierde aber als zweifelhaft erwiesen, weshalb der Kauf geplatzt sei – und das aus Deutschland bereits bei der Anreise mitgeführte Geld wieder zurückgebracht werde. «In so einem Fall hatten die Beamten bisher wenig Prüfmöglichkeiten», sagt Stehle. «Erfassen sie aber die Nummern der Banknoten, finden wir für sie heraus, wo ­diese ursprünglich produziert wurden. Das wiederum erlaubt Rückschlüsse auf deren tatsächliche Herkunft. Denn der prozentuale Anteil spanischer Euro-Banknoten im Umlauf ist in Spanien naturgemäss viel höher als in Deutschland. Läge der Wert beispielsweise im einstelligen Prozent­bereich, würde das die Behauptung der Person stärken. Andererseits wäre bei einem sehr hohen Prozentsatz ein begründeter Anfangsverdacht gegeben, dass die Person möglicherweise ein <Money Mule> ist.»

Unwissender Erbe oder fieser Romance Scammer?

Ein anderes Beispiel: Nach mehreren Romance-Scam-Betrugsfällen setzen Fahnder eine verdächtige Person fest. Unter einer losen Diele in deren Keller finden sie knapp 55’000 Euro Bargeld in unterschiedlichen Couverts. Der Verdächtige behauptet, diese kenne er nicht. Die müsse sein vor acht Jahren verstorbener Vater, von dem er das Haus geerbt hat, dort versteckt haben. Die Polizei hegt Zweifel und lässt die Identifikationsnummern der Scheine prüfen. Dabei stellt sich heraus: Die Banknoten waren allesamt in den vergangenen Wochen und Monaten in Zirkulation, können also definitiv nicht jahrelang im Keller gelegen haben. Zudem wurden genau 9’000 Euro des verdächtigen Geldes in den vergangenen fünf Tagen in Tranchen bezogen – an ein und demselben Bankomaten, bei der Hausbank einer 55-jährigen Witwe. Diese gehört, wie weitere Ermittlungen be­legen, ebenfalls zum Opferkreis des Betrügers.

«Auch bei Enkeltrick-Betrugsfällen kann eine Überprüfung der Identifikationsnummern von bei Verdächtigen aufgefundenen Banknoten wichtige Hinweise liefern», verrät Gerrit Stehle. «Denn gerade hier tritt in signifikant hohem Mass altes Geld in Erscheinung – und wir können anhand der Identifikationsnummern belegen, wo und wann Banknoten produziert wurden.»

Da die Identifikationsnummer auch das Alter von Geldscheinen enthüllt, kann mit ihrer Hilfe zwischen aktuell umlaufendem Geld und «Matratzenscheinen» unterschieden werden.Da die Identifikationsnummer auch das Alter von Geldscheinen enthüllt, kann mit ihrer Hilfe zwischen aktuell umlaufendem Geld und «Matratzenscheinen» unterschieden werden.© shutterstock.com

Mörder und Bankräuber oder Glückspilz?

Ein dritter Fall: In einer ländlichen Gemeinde geschieht ein Raub. Der Täter – mit markanter Narbe an der Stirn – erbeutet rund 150’000 Euro. Der Fall bleibt ungelöst – bis Zivil­fahnder zwölf Jahre später einem anonymen Hinweis folgend einen Verdächtigen ins Visier nehmen. Dieser hat eine auffällige Narbe an der Stirn – und in seiner Wohnung finden die Fahnder in diversen Verstecken mehr als 80’000 Euro Bargeld. Der Mann beteuert seine Unschuld, behauptet, das Geld habe er vor zwei Jahren im Casino gewonnen. Den Banken traue er nicht, weshalb er es zu Hause hortet. Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall klar, doch der Pflichtverteidiger veranlasst eine Analyse der Identifikationsnummern der Banknoten. Diese belegt, dass die Banknoten erst ­zwischen fünf und neun Jahre alt sind – also zum Zeitpunkt des Banküberfalls noch gar nicht existierten. Resultat: Freispruch!

Drei Beispiele, die zeigen, wie wertvoll die Nachverfolgbarkeit von Banknoten für Ermittlung und Strafverfolgung sein kann – und Gerrit Stehle könnte viele weitere nennen. Denn die Technologie wurde bereits in mehr als 300 Strafver­fahren eingesetzt – unter anderem auch bei sogenannten «Hawala»-Banking-Fällen, die der Geldwäsche oder der Terrorfinanzierung dienen.

Wertvoll auch für Einzelhändler und für clevere Banken-Services

Neben Fahndung und Strafverfolgung können auch regelmässig mit grossen Bargeldmengen befasste Unternehmen profitieren – und Banken ihren Kunden völlig neue Services anbieten.

«Einzelhändler, die viel mit Bargeld arbeiten, zählen dieses, packen es in Transportbehälter, machen eine Voranmeldung – und ein Dienstleister holt das Geld ab. Würden die Unternehmen beim Zählen der Scheine zugleich deren Nummern erfassen, wüssten sie exakt, welche ihre Scheine ­waren. Bei Reklamationen, etwa wegen drei angeblichen <falscher Fünfziger> im Behälter, könnten sie belegen, ob diese wirklich von ihnen stammen oder erst nachträglich von Dritten im Tausch gegen echte Fünfzigernoten untergemischt wurden», zeigt Gerrit Stehle auf.

Banken wiederum könnten ihren Kunden bei grösseren oder ungewöhnlichen Bargeldbezügen anbieten, die Identifikationsnummern der Scheine zu erfassen und auf einem USB-Stick abzuspeichern. «In Fällen von Erpressung, Betrug, Diebstahl oder anderweitigem Verlust könnten die Geldscheine nachverfolgt werden», sagt Gerrit Stehle. «Sobald die Scheine bei einem Geldtransportunternehmen erfasst werden, gibt das System Alarm. Da zugleich die Nummer der Geldbombe bekannt ist, in der sie enthalten war, ist klar, woher sie stammen. So wüssten die Ermittler zeitnah, wo sie nach weiteren Spuren der Täter suchen sollten. Dasselbe geschieht, wenn die Täter das Geld irgendwo einzahlen. Auch dann explodiert die <digitale Farbbombe>.»

Und natürlich rät er allen Banken eindringlich, die Identifikationsnummern aller Scheine, die in Bankomaten geladen werden, zu erfassen: «Die digitale Farbbombe schützt die Banknoten – und ermöglicht bei einer Bankomatsprengung ein schnelles und effektives Tracking.»

Technologie ist gerichtsverwendbar

Die für die Gerichtsverwertbarkeit der Methode nötige Prüfung der Amtswege verlief laut Gerrit Stehle ebenso positiv wie Prüfungen hinsichtlich des Daten- und Persönlichkeitsschutzes. «Alle Daten werden auf zertifizierten, speziell gesicherten und revisionssicheren Servern in Deutschland gespeichert und können optional auf gängige ­Infrastrukturen wie Bundesserver, Sovereign Clouds oder lokale Rechenzentren von Sicherheitsbehörden zu 100 Prozent gespiegelt werden», betont er. «So können Behörden auf sicherem Weg auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Datensätze anlassbezogen abrufen.» Zudem würden keinerlei personenbezogene Daten erfasst, da die Geldtransporteure in aller Regel ­Firmen betreuen – und keine natürlichen Personen.

Bald auch in der Schweiz verfügbar?

Neben Transparency International, ausgewählten Generalstaatsanwaltschaften und einer Vielzahl deutscher Strafverfolgungsbehörden sind bereits ausländische Sicherheitsbehörden auf die deutsche Innovation aufmerksam geworden – auch aus der Schweiz, wo Gespräche mit wichtigen Stakeholdern laufen, wie Gerrit Stehle verrät.

Zudem entwickelt sein Unternehmen aktuell in Kooperation mit der Schweizer Spezialistin OVD KINEGRAM AG mit dem «BANKNOTE SCANNER» (siehe Artikel in der Rubrik «Test & Technik» dieser Ausgabe) eine App, mit der auch im ­mobilen Einsatz Banknoten gezählt und deren Identifikationsnummern erfasst werden können – schnell, einfach und zuverlässig.

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