Fails bei Design und Technik neuer Fahrzeuge
Schön daneben
Autodesigner gestalten Legenden. Manchmal aber liegen sie völlig daneben. Software-Entwickler haben geniale Ideen. Bisweilen aber auch fatale Aussetzer. Bei E-Autos geht beides zulasten der Zuverlässigkeit – und kann die Sicherheit der Insassen gefährden.
Der Mensch hat, stark vereinfacht betrachtet, fünf Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Am stärksten verlässt er sich auf seine Augen. Rund 80 Prozent aller Umwelteindrücke nehmen wir mit den Augen auf, gut die Hälfte der Grosshirnrinde ist, solange wir wach sind, mit der Verarbeitung visueller Wahrnehmungen beschäftigt. Das macht uns empfänglich für «Schönheit» – und erklärt, weshalb sich Autodesigner alle erdenkliche Mühe geben. Wobei Schönheit bekanntlich im Auge des Betrachters liegt – und bisweilen seltene Blüten treibt.
Versenkbare Türgriffe und Touch-Öffner sind Designer-Hirnfürze …
Tesla exerzierte es vor, die Konkurrenz zog nach. Nun stehen alle vor einem Dilemma: Mechanisch oder elektrisch aus- und einfahrende Türgriffe sind ein Status- und Designsymbol – und vor allem bei modernen E-Autos weitverbreitet. Manche Hersteller gehen gar so weit, Türgriffe durch Touch-Knöpfe oder «Wing Grips» zu ersetzen – wie beim Ford Mustang Mach-E, dem Volvo EX60 und den BMW-Modellen iX und X5 (neueste Version).
Was schick aussieht, bringt kaum ein Mehr an aerodynamischer Effizienz – birgt aber brutale Risiken. Bleiben Türgriffe eingefahren und Touch-Griffe funktionslos – aufgrund eines Defekts oder Unfalls –, sind Menschenleben in Gefahr. Bereits mehrfach starben Insassen, weil Retter die Türen der havarierten Autos nicht schnell genug öffnen konnten. Laut Tests des China Insurance Automotive Safety Index (C-IASI) können nach einem Unfall nur 67 Prozent der elektronischen Türgriffe geöffnet werden. Bei klassischen mechanischen Bügelgriffen sind es 98 Prozent. Zudem bieten Letztere Rettungskräften ordentliche Ansatzpunkte – auch für Werkzeuge.
China – das Land mit dem weltgrössten Automarkt – reguliert daher ab 2027 flächenbündige Türgriffe. Fahrzeuge mit neuer Typgenehmigung müssen dann Türen (nicht aber Heckklappen) mit mechanischer Entriegelung (innen und aussen) aufweisen, inklusive Vertiefungen für den Handgriff. Modelle mit bereits erteilter Typgenehmigung (wie der von Geely gebaute Volvo EX60) sind bis spätestens 1. Januar 2029 nachzurüsten. Und Tesla musste gar bereits im August 2026 rund drei Millionen Fahrzeuge in China zurückrufen, um deren Türgriffsysteme nachzubessern.
Bringen kaum mehr Effizienz, steigern aber die Risiken: versenkbare Türgriffe (im Bild: Tesla) oder «Touch Winglets».@ Hersteller
… und elektrische Ladeklappen auch
Kein Designer kam je auf die Idee, die Tankklappe eines Verbrenners elektrisch zur Seite fahrend zu gestalten. Wozu auch? Ein Hebelchen ziehen, auf die Klappe drücken oder diese einfach aufklappen – funktioniert seit Jahrzehnten prächtig und jederzeit. Beim Porsche Macan indes ist alles anders. Der besitzt erstens gleich zwei (!) Ladeanschlüsse (AC/DC-Anschluss links plus reiner AC-Anschluss rechts im Heckbereich). Optional sind diese beleuchtet und öffnen elektrisch, via «berührende Handgeste». Gelingt es, gleitet die Abdeckung nach hinten in die Karosserie hinein. Klappt es nicht, ist Ärger vorprogrammiert. Das Fahrzeug kann nicht geladen werden – und der Deckel auch nicht einfach demontiert werden. In England strandeten zwei Frauen und zwei Hunde deshalb – und schlugen sich zehn Tage mit Werkstätten, Hotlines und Abschleppunternehmen herum, anstatt ihre Ferien zu geniessen. Unser Tipp daher: Wenn Porsche Macan, dann mit manuellen Ladeklappen!
Was, ausser eindeutigen Nachteilen, bringt eine elektrisch seitlich in die Karosserie hineinfahrende Ladeklappe à la Porsche Macan?@ Hersteller
Geblendet von der Schönheit anderer
Ebenfalls mehr Show als Nutzen bringen illuminierte Fahrzeugfronten sowie ultrahelle Leuchten und beleuchtete Logos am Heck. Als würden moderne LED-Scheinwerfer nicht schon genug Blendung erzeugen, nerven Hersteller uns auch noch mit hektisch zur Seite «laufenden» Blinkerleuchten und durchgängigen LED-Bändern – exakt auf Augenhöhe. Liebe Designer: All das reizt die Augen aller anderen Verkehrsteilnehmer völlig unnötig. Augenärzte kritisieren diese Entwicklung teils harsch – und 90 Prozent der Autofahrer fühlen sich laut einer repräsentativen Umfrage der ADAC-Marktforschung davon geblendet. Die Folgen für die Verkehrssicherheit sind fatal: Jeder zweite kneift die Augen zusammen oder schaut weg, manche schliessen gar kurzzeitig beide Augen – bei voller Fahrt!
Moderne LED-Scheinwerfer blenden bisweilen stark. Haben sie Linsenprojektoren (links), sogar noch mehr als Freiflächenreflektor-Varianten.@ ADAC/Ralph Wagner
Schlimmer als besoffen unterwegs – wegen Touchscreens
Während die Hersteller für «Illumination Design» gern Geld ausgeben, sparen sie anderswo am falschen Ort: bei Knöpfen, Drehreglern und Bedientasten im Cockpit. Stattdessen soll ein einziger – weil billiger – Touchscreen alles regeln. Dabei ist bekannt, seit es Tesla gibt: Reine Touchscreen-Bedienung lenkt ab, steigert das Unfallrisiko. In Tests des ADAC verlängerte sie die Reaktionszeit um 57 Prozent! Sogar mit dem Handy am Ohr reagiert man schneller (+ 46 %). Letzteres entspricht dem Fahren mit einem Blutalkoholgehalt von 0,4 mg/l (0,8 ‰) – und ist verboten. Die nochmals stärker ablenkende Nutzung eines Tablets (etwas anderes sind Touchscreens nicht) bleibt aber erlaubt …
Immerhin hat der Verbraucherschutzverein EuroNCAP 2026 sein Bewertungsschema angepasst. Für 5 Sterne müssen Funktionen wie Hupe, Scheibenwischer, (Warn-)Blinker sowie SOS-Funktionen wie eCall physisch aktiviert werden können. Weitere zentrale Funktionen (Klimaanlage, Radio) müssen mit einem, maximal zwei Schritten im Untermenü verfügbar sein. Das wird Druck aufbauen. Gut so.
VW verabschiedet sich beim neuen ID. Polo vom Trend, verbaut wieder Tasten und Drehregler. Grossartig!@ Hersteller
Gigantische Kapazität im HV-Akku – aber eine leere 12-V-Batterie
Es klingt absurd: Auch 2026 ist und bleibt die 12-V-Batterie im Auto Pannenursache Nummer 1 – auch bei E-Autos und selbst dann, wenn der (bisweilen riesige) HV-Akku zu 100 Prozent geladen ist. Passiert dies, geht nichts mehr: Weil die Bordsysteme nicht hochfahren, kann das Auto nicht in den «Ready»-Modus gebracht werden.
Ursächlich für eine leere 12-V-Batterie beim E-Auto sind meist Software-Fehler. Entweder wird die 12-Volt-Batterie zu selten oder zu falschen Zeitpunkten nachgeladen (mangels Lichtmaschine via DC/AC-Wandler mit Energie aus dem HV-Akku). Oder eines respektive mehrere Steuergeräte gehen nicht in den Tiefschlafmodus, wenn das Fahrzeug längere Zeit nicht benutzt wird. Dann ziehen diese ECUs so lange Strom aus dem 12-V-Akku, bis dieser leer ist (sog. Vampire Drain).
Seltener sind Hardware-Defekte wie der «ICCU-Bug», desentwegen Zigtausende Hyundai Ioniq 5, Kia EV6 und Genesis GV60 zurückgerufen wurden, um die «Integrated Charging Control Unit» zu tauschen. Diese neigte zu Ausfällen, was den sofortigen Stopp der 12-V-Batterieladung zur Folge hatte. Die Bordbatterie entlud sich sukzessive – und irgendwann blieb das Auto stehen. Ebenfalls beim Ioniq 5 führten anfangs unsauber aufliegende Ladeklappen dazu, dass Steuergeräte nicht herunterfuhren – und die Batterie entleerten.
Bei E-Autos wie bei Verbrennern «Gift» für die 12-V-Batterie sind übrigens auch wiederholte, extrem kurze Fahrstrecken, noch dazu im Winter. Dann wird beim Systemstart und während der Fahrt mehr Energie gezogen als auf der Kurzstrecke nachgeladen wird – und irgendwann ist die Batterie leer.
Fazit: Nicht wirklich alles wird schöner und besser
Auch wenn Design und Technologie im steten Wandel sind: Manchmal ist weniger mehr – und Autos sollten alles in einem bieten: schönes Design, hohe Zuverlässigkeit und eine sichere, intuitive Bedienbarkeit. Am liebsten schön klassisch: über haptische Tasten, Knöpfe und Drehregler.