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Grossübung «U TRAKTION» des Aargauer Bevölkerungsschutzes

Vorbereitung auf den Ernstfall

Am 25. April 2026 fand in Aarau/Buchs eine sehr realistische Übung statt: Simuliert wurde die Kollision eines Busses mit einer Strassenbahn, bei der beide Fahrzeuge umstürzen und ein herannahender Pkw in die Unfallstelle kracht, woraufhin das Fahrzeug in Flammen aufgeht. Ziel der Übung war es, Optimierungspotenzial für die Zukunft zu erkennen.

Die Abteilung Militär und Bevölkerungsschutz (AMB), die Aargauische Gebäudeversicherung (AGV), die Aargau ­Verkehr AG (AVA), die in Buchs ansässige Energie-Dienstleisterin Eniwa AG sowie weitere knapp ein Dutzend Institu­tionen (Feuerwehren, Polizeikorps, Behörden und Zivilschutz) rührten für die von ihnen organisierte Einsatzübung «U TRAKTION» mit der grossen Kelle an. Rund ein Jahr investierten sie in die Planung der Übung «U TRAKTION», die am 25. April auf der Industriestrasse im Raum Aarau/Buchs stattfand. Letztere wurde hierfür während rund 24 Stunden komplett gesperrt und mit einem sehenswerten «Verkehrsunfall-Szenario» bestückt.

Vorbereitungsarbeiten zur Übung «U TRAKTION»: Vor dem Eniwa-Gebäude liegen die Waggons und der Bus bereits in Seitenlage.Vorbereitungsarbeiten zur Übung «U TRAKTION»: Vor dem Eniwa-Gebäude liegen die Waggons und der Bus bereits in Seitenlage.© Jörg Rothweiler

Aufwendiger Übungsaufbau, tadellose Organisation

Zwei jeweils rund 25 Tonnen schwere Wagen eines im März 2025 tatsächlich mit einem Lkw kollidierten Zugs der AVA sowie ein ebenfalls real verunfallter Bus wurden in der Nacht von Freitag auf Samstag mithilfe von zwei Pumpkranen jeweils auf der Seite liegend auf dem Asphalt drapiert. Hinzu kam, dicht hinter der Strassenbahn, ein mit Übungs­puppen und einer (leeren) Gasflasche bestücktes Brandübungsfahrzeug. Auch im Bus und in der Strassenbahn sowie um diese herum wurden weitere Übungspuppen sowie allerlei «Streugut» platziert.

Ab sechs Uhr in der Früh moulagierten (schminkten) spezialisierte Fachkräfte im Gebäude der Eniwa AG rund 40 Frei­willige, welche die teils Schwerstverletzten im ­späteren Übungsszenario darstellen würden. Die Band­breite der simulierten Verletzungen reichte dabei von Prellungen, Schnittwunden und einem Herzinfarkt über Knochenbrüche, leichte bis schwere Schädelhirntraumata sowie teilweise oder gänzlich abgetrennte Gliedmassen bis hin zu Poly­traumata, Pneumothorax und Querschnittlähmungen. Insgesamt nahmen rund 70 Figuranten (inklusive Care-Figuranten) an der Übung teil.

Für Sicherheit auf dem und rund um das Übungsgelände sorgten zwei «Sicherheitsoffiziere», Angehörige der Zivilschutz-Organisation (ZSO) Aare Region unterstützten den Übungsaufbau. Mitarbeitende der AVA überwachten und koordinierten die Arbeiten an den Übungsfahrzeugen und in Gleisnähe. Im Gebäude der Eniwa AG wurden die ­geladenen Gäste, darunter Regierungsrat Jean-Pierre ­Gallati sowie Vertreter der Kommission für öffentliche ­Sicherheit (SIK) mit aktuellen Informationen zum Übungsgeschehen versorgt.

Keine Frage: Die Übung «U TRAKTION», die auf das Szenario eines «Massenanfalls von Verletzten (MANV)» und das Trainieren der institutionsübergreifenden Kooperation und Kommunikation zielte, war gut geplant und tadellos organisiert – wofür die Organisationspartner ein Barbudget von etwa 50’000 Franken investierten. Ein für eine Übung dieser Grössenordnung überschaubarer Betrag, der nur einge­halten werden konnte, weil die beteiligten Organisationen sich bereit erklärten, solidarisch die jeweils eigenen Personal- und Sachkosten zu tragen.

Einsatzübung für knapp ein Dutzend Institutionen

Beübt wurden neben der AVA und der Eniwa AG insbesondere die Ortsfeuerwehr Buchs und die Stützpunktfeuer­wehren Aarau und Wohlen, die Kantonspolizei Aargau, das Kantonale Katastrophen Einsatzelement (KKE) Aargau, das Aargauer Rettungswesen (neun Rettungsdienste) inklusive der Kantonalen Einsatzleiter sowie die Alpine Air Ambulance AG, die für die Übung einen Rettungshelikopter entsandte. In «zweiter Reihe» involviert waren zudem die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle (SUST) sowie der kriminaltechnische Dienst der Kantonspolizei Aargau.

Übungsszenario und Übungsziele

«U TRAKTION» simulierte ein Grossereignis im öffentlichen Verkehr, infolge dessen es zu einem MANV kam. Im Sinn einer Einsatzübung wussten die alarmierten Einsatzkräfte nicht, was sie am Schadenplatz erwartete. So sollten laut Übungsleiter Dr. André Vossebein, Leiter Sektion Katas­trophenvorsorge AMB, folgende Fähigkeiten und Kompetenzen beübt werden: unmittelbare Ereignisbewältigung und Rettungsphase (Feststellung und Bergung von Opfern), vor allem durch die Feuerwehr. Erstbehandlung, Triage, sanitätsdienstliche Versorgung sowie Transport verletzter Personen in die nahe gelegenen Kliniken und Spitäler oder in spezialisierte Einrichtungen in der gesamten Schweiz (z. B. Brandopfer) durch die Sanitätsdienste. Betreuung sowie Care-Versorgung der betroffenen unverletzten Menschen. Unfalluntersuchung und kriminaltechnische Massnahmen inklusive Feststellung, Bergung und Identifikation toter Personen am Ereignisort (nach der Rettungsphase).

Damit dies nicht «allzu leicht» von der Hand ging, bauten die Organisatoren gezielt teils unverwertbare Herausforderungen ein: Der Busfahrer hatte, bevor er das Lenkrad verriss und die Strassenbahn rammte, einen Herzinfarkt erlitten. In beiden Fahrzeugen wurden Insassen eingeklemmt – oder gar aus den Fahrzeugen katapultiert. Eine Passantin, die die Insassen des in Flammen aufgehenden Pkw retten wollte, erlitt durch die Explosion einer im Auto mitgeführten Gasflasche schwerste Verbrennungen – und die Strassenbahn begrub, als sie entgleiste und umstürzte, mindestens einen Passanten unter sich. Hinzu kamen äusserlich un­verletzte Personen, die wirr vor Panik, flankiert von Touristen, Schaulustigen und Paparazzi, über den Schadenplatz liefen und die Einsatzkräfte entsprechend forderten.

Ablauf der Grossübung: Chaosphase und erster Teil

Start der Übung war kurz nach acht Uhr: Plötzlich schlagen Flammen aus dem Brandübungsfahrzeug. Dichter Rauch verleiht der Szenerie gespenstische Realität, um 08:11 Uhr setzt Übungsleiter Dr. André Vossebein den supponierten Notruf ab. Unmittelbar danach (von 08:16 bis 08:20 Uhr) bietet die Kantonale Einsatzzentrale (KNZ) Aarau alle be­nötigten Einsatzkräfte gemäss Alarmierungsplänen auf (Polizei, Feuerwehr, Sanität, KKE, AAA, SUST).

Momentaufnahme aus der Chaosphase: Die Feuerwehr verschafft sich Zugang zum hinteren Waggon, der AAA-Rettungshelikopter überfliegt die Szenerie, während Beobachter alles dokumentieren.Momentaufnahme aus der Chaosphase: Die Feuerwehr verschafft sich Zugang zum hinteren Waggon, der AAA-Rettungshelikopter überfliegt die Szenerie, während Beobachter alles dokumentieren.© Jörg Rothweiler

Auf dem Platz, wo eben noch morgendliche Ruhe herrschte, wird es laut: Im Bus und in den Waggons schreien Menschen, es ertönen mehrere laute Knalltöne, neben dem brennenden Auto liegt – ganz nach Übungsplan – die mit «Brandverletzungen» moulagierte Figurantin. Nur Sekunden später rasen die ersten Einsatzfahrzeuge heran. Polizei und Feuerwehr treffen fast gleichzeitig als erste ein (08:20 Uhr). Die ersten Sanitätskräfte folgen nur Minuten später.

Schnell ist das simulierte Feuer gelöscht und die Frau aus dem direkten Gefahrenraum geborgen. Die Feuerwehr ­sichert den Unfallort, verschafft sich einen Überblick, bringt erste Personen (die sich selbst befreien konnten) in Sicherheit. Weitere Einsatzkräfte treffen ein, am Himmel kreist der AAA-Helikopter. Er wird wenig später landen – und die «Brandverletzte» ins Spital fliegen. Der Schadenplatz füllt sich mit in Gelb, Rot und Blau gekleideten Menschen. Hektische Anweisungen sind zu hören. Um 08:34 Uhr beginnen die Feuerwehrkräfte, sich einen Zugang zum Zug zu verschaffen – nachdem dessen Oberleitung vorschriftsmässig durch die AVA geerdet wurde. Um 08:41 Uhr transportieren Sanitäter die ersten geborgenen «Verletzten» auf Trage- und Rollbahren zum Triageplatz – die Chaosphase ist in vollem Gang.

Etwa 45 Minuten nach Absetzen des Alarms (09:03 Uhr) verlässt der erste von zahlreichen in Reih und Glied stehenden Rettungswagen die Szenerie. Knapp 100 Meter entfernt, auf der zum Schadenplatz führenden Strasse, markiert ein weisses, vom Kantonalen Katastrophen Einsatzelement KKE (Porträt in BLAULICHT 05-2025) errichtetes Zelt den Beginn der aufwachsenden Sanitätshilfsstelle (SanHist). Deren Aufbau vollzieht sich fast wie im Zeitraffer. Ein Zelt steht, dann das zweite. Weiter hinten lädt ein 4-Achs-Lkw einen Wechsel­ladebehälter mit Sanitätsmaterial ab – und an die beiden Zelte anschliessend wird eine mobile, mit zwei Plätzen ausgestattete mobile Behandlungsstelle errichtet. Nur ein paar Schritte entfernt steht auch schon der Grossraumrettungswagen (GRW) der Sanität Kanton Aargau (siehe BLAULICHT 06-2025). Dieser dient der Versorgung leicht oder unver­letzter Opfer und wird bei allen Ereignissen mit mehr als fünf Personen ausgesandt – im Verbund mit dem Rettungsdienst, dem Kantonalen Einsatzleiter Sanität (KEL-San) sowie weiteren Einsatzkräften der Sanität KKE (AdSan KKE).

Insbesondere die Kräfte der Sanitätsdienste hatten bei der Übung alle Hände voll zu tun.Insbesondere die Kräfte der Sanitätsdienste hatten bei der Übung alle Hände voll zu tun.© Jörg Rothweiler

Ziemlich genau anderthalb Stunden (09:45 Uhr) nach der Alarmierung ist die SanHist des KKE einsatzbereit. Der während der Chaosphase unter dem Vordach des Eingangs zum Eniwa-Gebäude angelegte provisorische Triageplatz leert sich daraufhin rasch. Die Triage, Versorgung und Transportvorbereitung der Betroffenen finden nun in der KKE-Sanitäts­zone statt. Alle paar Minuten fährt ein Rettungswagen ab in Richtung des ebenfalls supponierten Kranken­hauses. Am Ende der Strasse, auf dem Schadenplatz, arbeiten die Einsatzkräfte schnell, konzentriert, nunmehr sichtlich besser koordiniert und damit effizienter. Es dauert nicht lange, ehe die letzte verletzte Person geborgen ist. Das gibt den Feuerwehrleuten eine erste Chance, endlich einmal innezuhalten und durchzuatmen.

Deutlich mehr zu tun haben die Angehörigen der Sanität und die Kräfte des Care-Teams. Erstere kümmern sich um die Verletzten, letztere betreuen die zwar körperlich unverletzten, ­jedoch psychisch angeschlagenen «Opfer» des Unglücks. Die leicht bis teils sehr schwer Verletzten und auch die Menschen mit deutlichen Anzeichen von Panik oder Verwirrung binden zahl­reiche Kräfte – bei der Sanität, beim Care-Team und teils auch bei der ­Polizei.

Im Gedächtnis bleibt in diesem Zu­sam­menhang vor allem jener Figurant, der einen von starken, anhaltenden Panik­attacken geplagten Passagier mimte. Im echten Leben beruflich seit vielen Jahren mit Angstpatienten befasst, spielt der Mann seine Rolle mit Oskar-geeigneter Hingabe und Glaubwürdigkeit. Mehrere Stunden zieht er jammernd, klagend und scheinbar planlos über das Areal. Greifen ihn Einsatzkräfte auf, nutzt er jede Unachtsamkeit, um sich erneut zu verdrücken. Ständig taucht er an immer anderen Orten auf. Sogar in die Wagenburg der unter der Ägide der Kantonspolizei Aargau stehenden Einsatzleitung dringt er ein. Das sorgt für Verwirrung und teils sogar Unmut.

Grund für die zu diesem Zeitpunkt angespannte Stimmung in der Wagenburg sind – neben der hohen Konzentration, die die Koordination der Arbeiten der rund 450 in die Übung eingebundenen Einsatzkräfte bedingt – Unklarheiten bezüglich der «Opferzahlen». Während nahezu alle anderen Fakten, die auf grossen Schreibblättern an den Aussenwänden der ELZ-Fahrzeuge erfasst und dargestellt werden, eindeutig sind, sorgen Differenzen zwischen den von der Front, der Sanität und der Triage übermittelten Daten zur Zahl und Verletzungsschwere der Patienten für Stirnrunzeln.

Blick in die Wagenburg der Einsatzleitung, die unter der Ägide der Kantonspolizei Aargau stand.Blick in die Wagenburg der Einsatzleitung, die unter der Ägide der Kantonspolizei Aargau stand.© Jörg Rothweiler

Die Abweichungen basieren auf der Tatsache, dass sich der Zustand mancher Figuranten (nach Vorgabe der Übungs­leitung) im Übungsverlauf verschlechtert – bis hin zum Exodus. Das wirkt sich auf die Triage-Einteilung der be­treffenden Figuranten ein – und sorgt für Abweichungen in den Listen.

Um 11 Uhr allerdings lichtet sich dann alles spürbar. Die letzte der drei Feuerwehren macht sich bereit zum ­Abrücken, die letzten Verletzten werden in die Krankenhäuser gefahren, die körperlich Unverletzten sind in einer unweit entfernt gelegenen Halle versammelt, es werden keine Personen mehr vermisst.

«Ruhe nach dem Sturm» – und Phase zwei

Zur Mittagszeit kehrt wieder Ruhe auf dem Schadenplatz ein – und die Einsatzleitung zieht eine erste Bilanz. «Die Einsatzkräfte hatten ein komplexes Unfallereignis zu bewältigen. Koordination und Zusammenarbeit konnten trainiert und hoffentlich weiter verbessert werden», erklärt Übungsleiter Dr. André Vossebein, der die Rückmeldungen aller beteiligten Institutionen sowie der Beobachter sammeln und auswerten wird.

Vorbei war die Übung mit dem Abschluss der Bergungs- und Rettungsarbeiten aber noch nicht. Im Anschluss an diese kamen zunächst die Spezialisten der SUST zum Zug. Sie sollten die Unfallursache und den Unfallhergang rekon­struieren.

Am Nachmittag schlug die Stunde des kriminaltechnischen Dienstes. Dessen Aufgabe war es, Leichen zu identifizieren und sämtliches «Streugut» einzusammeln und zu dokumentieren.Am Nachmittag schlug die Stunde des kriminaltechnischen Dienstes. Dessen Aufgabe war es, Leichen zu identifizieren und sämtliches «Streugut» einzusammeln und zu dokumentieren.© Jörg Rothweiler

Kaum waren die SUST-Mitarbeiter weg, bevölkerten etwa anderthalb Dutzend Menschen mit weissen Schutzoveralls und blauen Stiefelüberziehern den Schadenplatz: Die ­Forensik machte sich ans Werk. Akribisch wurden die noch in und um die Fahrzeuge verbliebenen «Leichen» erfasst und dokumentiert – bis ins Detail (z. B. Farbe, Grösse, ­Material und Marke des Pullovers). Ebenso sammelten die aus je vier bis fünf Personen bestehenden Teams alles ein, was in und um die verunfallten Fahrzeuge herum aufzu­finden war. Jedes Stück dieses «Streuguts» – vom Brillenetui über Laptops, Handys, Kameras, Portemonnaies, Ausweisdokumente und Gepäckstücke bis hin zu einzelnen Schuhen – wurde ebenfalls fotografisch und schriftlich dokumentiert und in verschlossene Plastiksäcke verpackt.

Während dieser kriminaltechnischen Arbeiten waren dann plötzlich auch die Kräfte des KKE nochmals gefragt. Es galt, drei Leichen zu «befreien». Eine war mit einer Gliedmasse im Bus eingeklemmt, eine lag zur Hälfte unter dem umgestürzten Zug und eine dritte, gefunden im hinteren Zugabteil, konnte durch den von der Feuerwehr geschaffenen Zugang nicht geborgen werden.

Die «Freilegung» der mit ihrem Bein im Bus eingeklemmten Puppe war kaum mehr als eine Fingerübung für die ­schwere Arbeiten gewohnten Kräfte des KKE (eine elektrische
Säbelsäge genügte). Die Bergung der unter dem rund
25 Tonnen schweren Zug liegenden Puppe gelang ebenfalls mit geringem Aufwand – unter Zuhilfenahme eines pneumatischen Hebekissen, das bis zu 49 Tonnen anheben kann, sobald es mit 12 bar Pressluft (aus einer kleinen Flasche) gefüllt ist.

Die Bergung der im Zug liegenden Puppe indes war ein letzter sehenswerter Akt des Tages. «Wir machen da jetzt halt eine Tür rein», sagten zwei (kräftige) Männer des KKE –
und schnitten den Waggon zwischen dessen rückwärtigen Scheiben kurzerhand mithilfe eines Benzinmotor-betriebenen Trennschleifers auseinander. Das dauerte kaum mehr als 15 Minuten – und wäre noch schneller möglich gewesen, hätte der erste Trennschleifer nach dem Wechsel des abgenutzten Blatts wieder anspringen wollen. Aufgrund dieser Panne musste das Ersatzgerät bemüht werden, was etwa
fünf Minuten in Anspruch nahm.

Mit der anschliessenden Bergung des letzten «Opfers» war die Übung «U TRAKTION» um etwa 17 Uhr offiziell beendet. Ausser für das Organisationsteam, das nach dem Aufbau in der Nacht zuvor nun eine weitere Nachtschicht zu bewältigen hatte, um das Übungsgelände wieder freizu­räumen.

«Lessons learned» aus «U TRAKTION»

Institutionsübergreifende Einsatzübungen wie «U TRAKTION» bedingen organisatorisch wie finanziell grossen Aufwand. Doch sie bescheren auch einen hohen Gegenwert in Form wertvoller Erkenntnisse für die Zukunft. Das zeigt sich im Gespräch mit den Organisatoren, nachdem diese die Übung analysiert und ausgewertet haben.

Die Übungsleitung von «U TRAKTION» zieht nach der Auswertung ein insgesamt positives Resümee.Die Übungsleitung von «U TRAKTION» zieht nach der Auswertung ein insgesamt positives Resümee.© zVg

BLAULICHT: Wie lautet aus Sicht der Organisation das grundsätzliche Fazit zu «U TRAKTION»?

Organisation «U TRAKTION»: Die Übung hat gezeigt: Der Aargauer Bevölkerungsschutz ist in der Lage, ein komplexes Grossereignis im Verbund zu bewältigen. Das Szenario mit Strassenbahn, Bus, Personenwagen und einem Massen­anfall von Verletzten war bewusst anspruchsvoll angelegt. Gerade dadurch konnten wertvolle Erkenntnisse für künftige Einsätze und Übungen gewonnen werden.

Was hat funktioniert wie erhofft – vielleicht sogar besser als im Vorfeld erwartet?

Besonders erfreulich war die hohe Professionalität der Einsatzkräfte. Die Rettungsarbeiten wurden konzentriert, ruhig und sicher ausgeführt – und mit viel Elan. Hinzu kommt, dass keiner der Teilnehmenden verletzt wurde, was ungeachtet aller Vorkehrungen nie zu 100 Prozent ausgeschlossen werden kann. Auch hat sich gezeigt: Die technische Rettung und das Feuer­wehrhandwerk bewegten sich auf einem sehr hohen Niveau. Zudem funktionierten die ersten Absprachen, die Abschnittsbildung und die Rapporte insgesamt gut. Auch die sanitätsdienstliche Versorgung wurde sorgfältig aufgebaut. Die Triage erfolgte fachlich korrekt und mit grosser Sorgfalt. Zudem wurden die Führungsprozesse, insbesondere im Bereich der Gesamteinsatzleitung, unter realitätsnahen Bedingungen gefestigt.

Ebenfalls positiv gestaltete sich die Zusammenarbeit mit zivilen Partnern wie AVA und Eniwa. Sie konnten in die Ereignisführung eingebunden werden und leisteten einen wichtigen Beitrag zur realistischen Übungsanlage.

In welchen Bereichen gab es Herausforderungen?

Wie bei einem realen Grossereignis waren auch in der Übung die Schnittstellen zwischen den Organisationen besonders anspruchsvoll. Die wohl wichtigste Herausforde­rung war das gemeinsame Lagebild: Verschiedene Organisationen führten ihre Lageübersichten teilweise dezentral, wodurch bei dem komplexen Szenario von «U TRAKTION» Aktualisierungen nicht überall gleichzeitig ankamen.

Auch bei der Patientenlogistik, der Erfassung und Betreuung von Betroffenen sowie bei der Abstimmung zwischen Schadenplatz, Sammelstellen und Führungsbereichen offenbarte sich Optimierungspotenzial. Solche Punkte sind bei Gross­ereignissen allerdings typisch, weil viele Organisationen parallel handeln, Informationen rasch wechseln und Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden müssen.

Aus Sicht der Übungsorganisation kamen weitere Aspekte hinzu: Einzelne Abläufe, wie beispielsweise die Alarmierung und die Anfahrt zum Szenario, konnten respektive durften nicht realistisch beübt werden. Das führte zu Künstlich­keiten, etwa bei der Ankunft am Ereignisort. Wichtig ist überdies, dass sorgfältig geregelt wird, wie bei solch ­grossen Einsatzübungen mit Beobachtenden, Supportkräften und Gästen einerseits sowie den beübten Einheiten andererseits umgegangen wird.

Welche zentralen Learnings nehmen die Organisatoren aus der Übung «U TRAKTION» mit?

Ein zentrales Learning ist die Bedeutung eines einheitlichen, aktuellen und für alle zugänglichen Lagebildes. Bei Grossereignissen muss jederzeit klar sein, welche Informationen verbindlich sind – und wie Informationen zwischen den Organisationen verteilt werden.

Des Weiteren sollen organisationsübergreifende Zuständigkeiten und Schnittstellen noch stärker geschärft und ausgebildet werden. Insbesondere bei der Erfassung und Betreuung von Betroffenen, beim Patientenfluss und bei organisationsübergreifenden Rapporten. Ein dritter wichtiger Punkt ist das gegenseitige Verständnis: Jede Organisation muss die wichtigsten Führungslogiken, Begriffe und Systeme der Partnerinstitutionen kennen.

Kooperation und Kommunikation sind gerade bei in­sti­­tu­­tions­übergreifenden Einsätzen eine enorme Heraus­forderung. Wie funktionierte beides bei «U TRAKTION»?

Die Zusammenarbeit war insgesamt konstruktiv, engagiert und geprägt von sehr hoher Einsatzbereitschaft. Die Übung hat gemäss den Rückmeldungen bestehende Kontakte gefestigt und das gegenseitige Verständnis gestärkt. Gleichzeitig zeigte sich: Kommunikation bei Grossereignissen ist nie abgeschlossen trainiert! Gerade Lageführung, Rapportwesen, Patienteninformationen und Rückmeldungen von der Front müssen regelmässig organisationsübergreifend geübt werden.

Welche Tipps haben Sie für andere Organisationen, die ähnliche Einsatzübungen planen und durchführen wollen?

Aus unseren Erfahrungen mit «U TRAKTION» lassen sich folgende Punkte ableiten: Ein realistisches Szenario schafft hohen Lernwert. Gleichzeitig braucht es eine klare Rollenverteilung in der Übungsleitung, ein schlankes Vorbereitungsteam, definierte Beobachterrollen und ein konsequentes Sicherheitskonzept. Wichtig ist zudem, bereits in der Planung festzulegen, welche Organisation wann, mit ­welchen Mitteln und unter welchen Annahmen in die Übung einbezogen wird.

Was bleibt im Rückblick als besonders erfreulich im Gedächtnis?

Wie sicher, ruhig und sachgerecht die Einsatzübung bewältigt wurde. Die Einsatzkräfte nahmen das Szenario ernst. Sie arbeiteten lösungsorientiert und zeigten trotz komplexer Lage und Übungscharakter eine hohe Professionalität. Alle Beteiligten waren übrigens im Nachgang positiv überzeugt von der Übung!

Wenn Sie die nächste Einsatzübung planen und organisieren: Was werden Sie identisch machen – und was anders?

Keinesfalls rütteln werden wir an der realitätsnahen Szenengestaltung, der breiten Einbindung der Partner­organisationen und am Mut, ein so anspruchsvolles ­Szenario im Verbund zu üben. Anders – namentlich klarer – ausgestalten werden wir die Trennung zwischen Übungsleitung, Beobachtenden und beübten Einheiten. Zudem werden wir die Ankunftszeiten, Warteräume und Informationsflüsse noch stärker an realen Einsatzabläufen ausrichten.

Letzte Frage: Hat sich der immense Aufwand für «U TRAKTION» gelohnt?

Ja, davon sind wir überzeugt. Es ist eminent, dass solche Einsatzübungen regelmässig mit verschiedenen Beteiligten und anhand verschiedener Szenarien durchgeführt werden. Denn obschon der dafür nötige Aufwand nicht zu unterschätzen ist, lohnt er sich in jedem Fall. Das hat «U TRAKTION» allen Involvierten eindrücklich aufgezeigt.

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