REDOG – Schweizerischer Verein für Such- und Rettungshunde

Die Hundenase ist ein Wunderwerkzeug. Die Vierbeiner können Vermisste und Verschüttete aufspüren. Warum aber tun sie das? Und wie lernen sie, Menschenleben zu retten?

© redog

«Sobald du einmal im Einsatz warst, sieht die Welt anders aus», sagt Linda Hornisberger. Denn ihre Welt sieht anders aus. Sie weiss, wie es ist, wenn jede Sekunde zählt. Wie es sich anfühlt, wenn das Bangen der Angehörigen greifbar ist. Und sie weiss, auf wen sie sich verlassen kann, wenn es darum geht, Leben zu retten. Linda ist Ausbildungschefin beim Schweizerischen Verein für Such- und Rettungshunde (REDOG). Es ist ihre Berufung.

Linda – bei REDOG duzt man sich – ist kein Zimperlieschen. Markige Sprüche kommen der Tierärztin ebenso leicht über die Lippen wie die leisen Töne. Linda hat Pep – und Mitgefühl. Nach Erdbeben stand sie in Nepal, Costa Rica, Algerien, Indonesien und der Türkei im Einsatz. Und nach dem Tsunami in Japan. In Italien und Griechenland haben sie und ihr Hund Vermisste gesucht. Auch in der Schweiz versuchte sie, Leben zu retten. Etwa nach der Katas­trophe in Gondo oder nach Wohnungsexplosionen.

Schon als Kind lag Linda ihren Eltern mit dem immer gleichen Wunsch in den Ohren. Sie wollte einen Hund. Als sie ein Teenager war, gaben die Eltern schliesslich nach. Linda bekam Lassie. Also fast. Einen Collie, der aussah wie Lassie. Der Liebling der beliebten TV-Serie hatte die Eltern beeindruckt.

Und fortan beeindruckte sie Linda mit ihrem Elan. Sie machte mit ihrem Lassie einen Hundekurs. Der Hund brillierte. Und der Kursleiter lud Linda zu REDOG ein. Das war vor über 30 Jahren. «Ich wusste gleich, das ist es», sagt Linda. Seither hat sie fünf Hunde ausgebildet – und unzählige Hundeführerinnen und Hundeführer.

Training für den Ernstfall

In einer inszenierten Trümmerlandschaft im bernischen Ostermundigen ist Linda in ihrem Element. Ebenso ihre beiden Border Collies Tilly und Nash. Die ehemalige Zivilschutzanlage ist ihr zweites Zuhause. Denn die Trümmer sind unterhöhlt. Zu Übungszwecken verstecken sich dort Hundeführerinnen oder Hundeführer in Bunkern oder Nischen.

Flink wuseln Tilly und Nash auf den wild durcheinandergewürfelten Betonblöcken und Holzlatten umher. Sie gehorchen Linda aufs Wort. «Wyter», ruft sie. Oder «zrügg» oder «übere». Sie lenkt die Hunde dorthin, wo sie – im Ernstfall – Hohlräume vermuten würde.

© redogAusbildungschefin Linda mit ihrem Hund Tilly auf dem Übungsgelände in ­Ostermundigen.Ausbildungschefin Linda mit ihrem Hund Tilly auf dem Übungsgelände in ­Ostermundigen.

Tilly und Nash führen jeden Befehl aus. Es sind Katastrophensuchhunde. Und als solche müssen sie sich auf unstabilem Untergrund bewegen können. Ob es rutschig oder wacklig ist, ob die Trümmer mit Scherben übersät oder mit Metallstäben durchsetzt sind, sie müssen einen Weg finden, ihrer Nase zu folgen. Zu Stellen, wohin ihnen ihre Hundeführerin nicht folgen kann. Um dann anzuzeigen: Hier ist jemand. Wenn sie das beherrschen, erklärt Linda, «ist das so ein Highlight. Dieser Moment, in dem man weiss: Jetzt kommunizieren wir.»  
Bis zu diesem Moment ist es aber ein langer Weg: Die Ausbildung der Hunde dauert drei bis vier Jahre. Der Zeitaufwand ist enorm. Ein- bis zweimal die Woche und am Wochenende trainieren angehende Hundeführerinnen und Hundeführer mit ihren vierbeinigen Schützlingen.

«Es muss schon ein Riesenhobby sein», sagt Brigitte Ochensberger – also Brigitte. Auch sie ist Hundeführerin. Seit 18 Jahren. Brigitte ist mit ihrem Labrador Sarouk unterwegs. Sarouk ist ein doppelter Profi: Er kann verschüttete, aber auch vermisste Personen finden.

Denn Rettungshund ist nicht gleich Rettungshund (siehe Infobox). Nash wiederum ist darauf trainiert, Tote zu orten. Tilly ist noch in Ausbildung.


Ein Mitbringsel der anderen Art

Alle Rettungshunde haben aber eines gemeinsam: Das Suchen bereitet ihnen Freude. Ein Blick auf Labrador Sarouk macht das auch für Laien ersichtlich: Sarouk wedelt wie wild, sobald er sein orangefarbenes REDOG-Tenü angezogen bekommt. Er weiss, gleich soll er jemanden suchen. Heute nur übungshalber an einem Waldrand im Kanton Aargau.

Dann sprintet er los, immer der Nase nach: schnell und konzentriert. Bei guter Witterung kann er eine Person aus einem Kilometer Entfernung riechen. Hat er die vermisste Person gefunden, in diesem Fall Linda, «bringselt» er. «Bringseln» bedeutet, dass er seiner Hundeführerin ein geflochtenes Stück Seil bringt, sobald er fündig geworden ist. Denn im Ernstfall ist er Brigitte einige Hundert Meter voraus.

Das «Bringsel», das Stück Seil, ist an seinem Halsband befestigt. Sobald er die vermisste Person oder eines ihrer Kleidungsstücke findet, nimmt er das «Bringsel» ins Maul und apportiert es ihr. So weiss Brigitte, dass Sarouk jemanden oder etwas gefunden hat und dass er sie nun genau dorthin führen wird. Dies ist besonders wichtig bei Gegenständen, die weder mit moderner Technik noch vom menschlichen Auge ausfindig gemacht werden können, wie etwa ein Schuh im Unterholz oder eine Schultasche in einem Maisfeld.

© redogNicht nur auf, auch in den Trümmern üben Katastrophenhunde die Suche nach Verschütteten.Nicht nur auf, auch in den Trümmern üben Katastrophenhunde die Suche nach Verschütteten.

Anders als ein Geländesuchhund kann ein Katastrophensuchhund sein Frauchen oder Herrchen nicht zur verschütteten Person führen, weil diese ja unter Trümmern liegt. Ortet ein Katastrophensuchhund jemanden, bellt und scharrt er. Und zwar an der Stelle, von der aus der Geruch der Person durch Schutt oder Geröll dringt. Dort beginnt dann die Suche durch die Trümmer, die nach und nach von der Rettungsmannschaft entfernt werden. So hat einer der REDOG-Hunde einmal durch eine Art Mini-Schacht eine Person geortet, die sechs Meter unter den Trümmern und dreissig Meter weiter weg lag.

Warum aber hat ein Hund Freude am Suchen? Weil er belohnt wird. Womit er belohnt wird, entscheidet – der Hund. Er allein weiss, was ihn motiviert. Brigittes Sarouk mag Le Parfait. Lindas Hunde Tilly und Nash bekommen Spielbällchen. Futter oder Spielzeug gibt es jedoch nur, wenn der Hund seine Aufgabe erledigt hat, ohne sich ablenken zu lassen.
Und Ablenkungen gibt es zuhauf. So war das auch nach dem Erdbeben in Nepal im Jahr 2015. Hunderte Menschen standen dicht gedrängt rund um die zusammengestürzten Häuser und warteten auf gute Nachrichten. Sarouk hat die Massen ignoriert. Im Ernstfall seien die Hunde noch konzentrierter als sonst, sagen Linda und Brigitte.


Die Angst, zu spät zu kommen

Die Suche auf den Trümmern läuft jeweils in Dreier-Teams ab: Ein Hund sucht, nach 20 Minuten wird er vom nächsten abgelöst und so weiter. Linda, Brigitte und die anderen von REDOG haben in Nepal zwei Tage und eine Nacht lang nach Verschütteten gesucht. Den wunderbaren Moment, wenn eine Person dank ihnen gerettet wird, erleben die REDOG-Leute jedoch meist nicht mit. Dann suchen sie schon anderswo weiter. Denn neben ihrem Hund haben Linda und die anderen REDOG-Freiwilligen noch einen ständigen Begleiter: die Angst, zu spät zu kommen.

Diese Angst ist nicht unbegründet: Der Einsatz in Nepal wäre beinahe am Transport gescheitert. REDOG fand keinen Flug, der drei Hunde gleichzeitig hätte mitnehmen können, bis ein beherzter Swiss-Mitarbeiter beschloss, dass es wichtiger sei, Menschen in Not zu helfen als die Regeln strikt zu befolgen: So durften alle drei REDOG-Hunde bei den Passagieren mitfliegen.

Endlich in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu, suchten REDOG-Mitarbeitende dort nach Verschütteten, wo sie von den lokalen Behörden hingeschickt worden waren. So lange, bis diese die Suche einstellten. Einen Teil der veterinärmedizinischen Ausrüstung überliess Tierärztin Linda einem Tierspital in Kathmandu.

Danach unterstützten sie und ihre Crew Partnerorganisationen und die lokalen Einsatzkräfte, wo sie konnten. Mit ihnen besuchten sie kleine Dörfer in der Umgebung, verteilten erste Nahrungsmittel und Wasser. Sie boten medizinische Nothilfe an und klärten ab, wer Notunterkünfte brauchte.

Nicht nur Lindas Welt sieht anders aus, seit sie das erste Mal im Einsatz war. Dank Menschen wie ihr und Organisationen wie REDOG, sieht die Welt für viele ein bisschen anders aus. Ein bisschen besser.


Hunde und ihre Disziplinen

  • Geländesuchhunde: Diese Hunde müssen Ausdauer haben, denn auf der Suche nach einer vermissten Person bewegen sie sich stundenlang im Wald, im Feld, in Uferzonen oder in voralpinem Gelände.
  • Mantrailing: Diese Spürnasen erschnüffeln den Weg einer Person noch Tage nach ihrem Verschwinden – im Grünen oder in der Stadt. Sie müssen besonders stur sein.
  • Katastrophensuchhunde: Sie lokalisieren verschüttete Personen nach Naturkatastrophen, Explosionen oder Hauseinstürzen. Sie müssen sich auf instabilem Untergrund bewegen können und dürfen sich weder durch Lärm, Menschenmassen noch Esswaren ablenken lassen.
  • Leichensuchhunde: Sie werden dazu ausgebildet, verstorbene Menschen unter Trümmern zu orten. Sie müssen die gleichen Fähigkeiten haben wie Katastrophensuchhunde.

Ausbildung, Rassen, Unterstützung

Ausbildungsdauer: 3 bis 4 Jahre

  • Ausbildung: Vermisstensuchhunde üben die Rastersuche im Gelände, sie bewegen sich entlang einer imaginären Linie hin und her. Verschüttetensuchhunde absolvieren Geschicklichkeitsübungen, etwa auf Wackelbrettern und Leitern. Beide werden darauf trainiert, sich durch nichts ablenken zu lassen – auch nicht durch Wildtiere oder Menschenmassen.
  • Zeitaufwand: ein- bis zweimal pro Woche und am Wochenende. Insgesamt ca. 8 bis 10 Stunden pro Woche.
  • Einsatztests:  
    - Vermisstensuchhunde sind 8,5 Stunden unterwegs, davon suchen sie 4,5 Stunden lang.
    – Verschüttetensuchhunde absolvieren über 2 Tage und 1 Nacht 11 Sucheinheiten à 20 Minuten.
  • Erfolgsquote: Viele der Hundeteams schaffen es gar nicht erst zum Einsatztest. Die Anforderungen sind hoch. Neben dem Training und der Theorie absolvieren die Hundeteams mehrere Prüfungen und Eignungstests (Leistungskontrollen) während der Ausbildungszeit. Nach erfolgreichem Einsatztest wird alle drei Jahre die Einsatzfähigkeit bestätigt. Einsatzfähige Teams absolvieren jedes Jahr einen Eignungstest.

Rassen: Die Rasse ist nicht ausschlaggebend. Auch Mischlinge sind ausgezeichnete Such- und Rettungshunde. Es eignen sich alle mittelgrossen, lauf- und arbeitsfreudigen Hunde. Häufige Rassen sind: Retriever (Golden, Labrador, Flat Coated), Border Collies, Belgische Schäferhunde und Australian Shepherds.

Technische Ortung und Drohnen:
Die Hundenase wird mit technischen Hilfsmitteln unterstützt. Die technische Ortung kann zum Teil an Orten eingesetzt werden, die für Hunde gefährlich sind. So werden die Chancen, einen Menschen unter Trümmern genau zu orten, erhöht. In der Vermisstensuche unterstützen Wärmebildkameras und Drohnen die Suche. Dafür arbeitet REDOG mit dem Schweizerischen Verband ziviler Drohnen zusammen.

Notfall-Nummer: 0844 441 144
(24 Stunden auf Abruf)

www.redog.ch

Der Schweizerische Verein für Such- und Rettungshunde

REDOG ist eine gemeinnützige und humanitäre Freiwilligenorganisation des Schweizerischen Roten Kreuzes. Sie besteht aus rund 750 Mitgliedern mit 580 Hunden.

Einsätze: REDOG leistet Einsätze im In- und Ausland. 2017 fanden 20 Sucheinsätze nach vermissten Personen statt und 3 Einsätze bei Katastrophen. Die Sucheinsätze bei vermissten Personen in der Schweiz sind für die Angehörigen kostenlos. REDOG ist deshalb auch auf Spenden angewiesen.

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