Stau kann tödlich sein, denn er blockiert Rettungskräfte. Doch bald könnte auch in der Schweiz eine gesetzliche Pflicht zur Bildung einer Rettungsgasse gelten. Massgeblich dazu beigetragen hat der 22-jährige Rettungstransporthelfer Pascal Rey aus Basel.

Pascal Rey hat mit seinem Verein «Helfen helfen» bezüglich der Rettungsgasse bereits viel bewegt.Pascal Rey hat mit seinem Verein «Helfen helfen» bezüglich der Rettungsgasse bereits viel bewegt.Pascal Rey ist Pflegelehrling, Rettungstransporthelfer und Projektleiter eines Rettungsdienstes. Er weiss, was es bedeutet, wenn man Leben retten und Verletzten helfen will – und nicht kann, weil eine Blechlawine den Weg zu den Opfern versperrt. Das aber passiert immer öfter. Einerseits, weil Bevölkerungsdichte, Verkehr und Mobilitätsbedarf stetig wachsen, wodurch die Strasseninfrastruktur vielerorts die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit erreicht oder schon überschritten hat. Andererseits aber vor allem auch deshalb, «weil das Thema Rettungsgasse immer noch nicht in allen Köpfen angekommen ist und viele Egoisten und Ignoranten auf unseren Strassen unterwegs sind», sagt Pascal Rey. Er bemängelt daher, dass die Pflicht zur Bildung einer Rettungsgasse in der Schweiz nicht gesetzlich verankert ist.

Rettungsgasse ist bisher Goodwill

Tatsächlich ist laut Art. 27 Abs. 2 des Schweizer Strassenverkehrsgesetzes (SVG) zwar «den Feuerwehr-, Sanitäts-, Polizei- und Zollfahrzeugen beim Wahrnehmen der besonderen Warnsignale die Strasse sofort freizugeben». Eine Pflicht zur Bildung einer Rettungsgasse steht aber nicht im Gesetz.

Ganz anders in anderen Ländern. In Tschechien wird die Rettungsgasse seit 2005 nicht nur gefördert, sondern gesetzlich eingefordert. In Österreich und Ungarn existieren entsprechende Gesetze seit 2012, in Deutschland immerhin seit Ende 2016. Verstösse werden mit teils harschen Bussen geahndet. In Deutschland mit bis zu 320 Euro sowie 1 Monat Fahrverbot, in Österreich mit bis zu 2’180 Euro Geldbusse.

Kampagne Schweizer Rettungsgasse

Auch in der Schweiz wurden in der Vergangenheit mehrfach Rufe laut, etwa vonseiten des Bundesamts für Strassen (Astra), eine vergleichbare gesetzliche Grundlage zu etablieren. Doch nichts geschah. Bis Pascal Rey vor zwei Jahren mit einer Handvoll Gleichgesinnten den Verein «Helfen helfen» (siehe Box) gründete und die Kampagne «Rettungsgasse Schweiz» lancierte. Diese sensibilisierte via soziale Medien, mit einer Website, Standaktionen, Videos, Fotos, Flyern und Aufklebern für die Wichtigkeit der Rettungsgasse – und hatte ein Budget von lediglich 10’000 Franken.

Das Echo war gross. Fast alle grossen Medien berichteten über die Kampagne. Die Berner Kantonspolizei gewährte fachliche Unterstützung. Das Astra schaltet seit 2017 in Abstimmung mit den Polizeikorps auf den Wechselanzeigen der Nationalstrassen regelmässig den Slogan «Bei Stau Rettungsgasse bilden» auf. So rückte das Thema zunehmend ins öffentliche Bewusstsein – und weil diverse Politiker aus Regierungs-, Stände- und Nationalrat sich mit Testimonials dafür einsetzten, am 15. März 2018 auf die Agenda der Bundespolitik. Nationalrätin Priska Seiler Graf von der SP reichte damals eine Interpellation mit acht Fragen zur Rettungsgasse an den Bundesrat ein. Damit zwang sie diesen, sich der Thematik anzunehmen und Antworten zu liefern. «Priska Seiler-Graf brachte einen zentralen Stein ins Rollen, wofür ich ihr bis heute dankbar bin», erklärt Pascal Rey.

Bundesrat will nun handeln

In seiner Interpellationsantwort kündigte der Bundesrat an, handeln zu wollen. Am 2. Oktober 2018 schickte er diverse «Massnahmen zur Verbesserung des Verkehrsflusses und der VerkehrsNProblem erkannt, » in die Vernehmlassung, darunter ein Vorschlag zur Rettungsgasse. Guido Bielmann, Mediensprecher des Astra, zum jetzigen Stand: «Die Vernehmlassung endete am 25. Januar 2019. Derzeit läuft die Auswertung für den Gesamtbericht. Die Mitteilung des Bundesrats könnte eventuell schon dieses Jahr kommen.» Die Zeichen stehen also gut, dass 2020, spätestens 2021 eine gesetzliche Verpflichtung zur Bildung einer Rettungsgasse auf Autobahnen und Autostrassen mit mindestens zwei Fahrstreifen kommen wird.

Bis dahin sind Rettungskräfte weiter rein auf den Goodwill der Verkehrsteilnehmer angewiesen. Diesbezüglich allerdings hat Vielfahrer Guido Bielmann Erfreuliches festgestellt: «Je länger je öfter beginnen immer mehr Automobilisten, eine Rettungsgasse zu bilden, sobald der Verkehr ins Stocken gerät. Dabei sind Vorbilder wichtig, denn die anderen folgen diesen fast schon reflexartig.» Es scheint also, als trügen die Kampagne, die durch sie ausgelösten Medienberichte, die Hinweise «Bitte Rettungsgasse bilden» bei jeder Staumeldung im Radio sowie die Aktivitäten des Astra und der kantonalen Polizeikorps langsam Früchte.

Zwei Trucks als Werbeträger

Das ist gut so, denn nach knapp zwei Jahren haben Pascal Rey und seine Mitstreiter die Kampagne «Schweizer Rettungsgasse» per Ende Juni 2019 beendet – mit einem Paukenschlag: Seit Juni fahren zwei Trucks von Logistikunternehmerin Janina Martig aus Allschwil mit der Aufschrift «Leben retten ... Rettungsgasse bilden!» durch die Schweiz. «Als Lkw-Chauffeurin liegt Frau Martig das Thema Rettungsgasse am Herzen. Sie kam mit der Idee auf uns zu und übernahm alle Kosten für die Folierung der Trucks», freut sich Pascal Rey. Janina Martig bestätigt zudem die Erfahrungen von Guido Bielmann. «Auch ich und meine Fahrerinnen stellen fest: Die Bildung der Rettungsgasse funktioniert immer öfter», erklärt sie. Sie fordert aber auch, dass neuralgische Abschnitte im Schweizer Nationalstrassennetz, auf denen es quasi täglich stockt und staut, endlich ausgebaut werden. «Wo der Verkehr flüssig läuft, gibt es weniger Unfälle – und dann braucht es gar keine Rettungsgasse», gibt sie zu bedenken.

Pascal Rey und sein Team jedenfalls dürfen stolz zurückblicken. Sie haben die einzige nationale Plattform geschaffen, auf der alle Informationen zur Rettungsgasse auf zahlreichen Kanälen öffentlich zugänglich gemacht wurden. So geht ein guter Teil der bei der Thematik «Rettungsgasse» seit 2017 erreichten Fortschritte auf das Konto des Vereins «Helfen helfen». Und von dem werden wir alsbald wieder hören, verspricht Pascal Rey. «Themen, die den Einsatz- und Rettungskräften von Blaulicht- und Partnerorganisationen unter den Nägeln brennen, gibt es noch viele», sagt er. Das Funkeln in seinen Augen verrät: Auch wenn er noch nicht konkret wird, hat er bereits ein neues Thema anvisiert. Wir sind gespannt!

 

© Helfen helfenStockt auf einer Strasse mit mehreren Fahrspuren der Verkehr, steuern die Fahrzeuge auf der linken Fahrspur so weit nach links wie möglich und die Fahrzeuge auf der/den rechten Spur(en) nach rechts, nicht aber auf den Pannenstreifen (Rechte-Hand-Regel).Stockt auf einer Strasse mit mehreren Fahrspuren der Verkehr, steuern die Fahrzeuge auf der linken Fahrspur so weit nach links wie möglich und die Fahrzeuge auf der/den rechten Spur(en) nach rechts, nicht aber auf den Pannenstreifen (Rechte-Hand-Regel).

Der Verein «Helfen helfen» braucht Mitstreiter!

«Helfen helfen» ist ein 2017 gegründeter gemeinnütziger Verein mit Sitz in Basel-Stadt. Der von Pascal Rey präsidierte Verein hat ein Kernteam von rund 20 Personen und wirbt mit medialen Kampagnen, welche die Einsatzkräfte und deren Arbeit in den Fokus rücken, für mehr gesellschaftliche Akzeptanz für die Arbeit der Einsatz- und Rettungskräfte von Blaulicht- und Partnerorganisationen. Pascal Rey: «Gemeinsam mit Verbänden, Politik, Privaten und der Bevölkerung wollen wir für aktuelle Problematiken im BORS-Umfeld sensibilisieren, damit Helfer ihre Arbeit im bestmöglichen Rahmen sowie in adäquater Zeit ausführen können und das gesellschaftliche Klima gegenüber uniformierten Polizei- und Rettungskräften verbessert wird.»

Mehr Informationen zum Verein, der noch engagierte Mitglieder sucht, gibt’s auf www.helfen-helfen.swiss.

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